Das Landes-Durchgangslager in Betzenhausen
Aus Anlass des Jubiläums „100 Jahre Betzenhausen bei Freiburg“ im Jahr 2008 hat der KuGe unterschiedliche Themen aus diesem Zeitraum behandelt und in einem Buch veröffentlich. Daraus wurden inzwischen mehrere Beiträge individuell veröffentlicht, z.B. als Rückblick auf die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Freiburg und auch Betzenhausen waren in grossem Maße zerstört: Die Umstände und Folgen haben wir in einem eigenen Beitrag beschrieben, siehe Zerstörung von Betzenhausen.
Hier soll es aber um das sog. „Landesdurchgangslager für Flüchtlinge“ gehen, das sich über viele Nachkriegsjahre an der Kreuzung der heutigen Sundgauallee und Berliner-Allee befunden hat. Der nachfolgende Bericht basiert auf einem Text im Buch „100 Jahre Betzenhausen bei Freiburg“ und im Bürgerblättle 192 (2008): Der ursprünglicher Titel war „Die hölzerne Stadt“. Sein Inhalt basiert zum großen Teil auf Recherchen von Dr. Franz Flamm, dem früheren Leiter des Freiburger Sozialamtes und natürlich hat der Beitrag bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren!
Das ursprüngliche Internierungslager
Freiburg war am 21. April 1945 von der französischen Armee besetzt worden. Schon wenige Tage später, am 15. Mai, befahl der Chef der französischen Militärregierung, Generalleutnant Montel, die Errichtung eines Internierungslagers für politische Gefangene.
Es sollte 3.000 Personen aufnehmen können, davon 500 Frauen.
Die Wahl fiel auf ein Gelände im Osten Betzenhausens, in der Nähe des Gewerbegebiets an Lehener Straße und Grenzstraße. Übertragen auf die heutige Bebauung würde das Lager am Runzmattenweg 22 beginnen, die Kreuzung Sundgau-/Berliner Allee überdecken und im Altarraum von St. Albert enden. Der Eingang war nach Norden hin zur Idingerstraße gelegen. Die Baracken stammten aus dem Zwangsarbeiterlager der Erzbau-AG Blumberg sowie aus Beständen des Reichsarbeitsdienstes.
Alles Weitere zu dieser Phase siehe unser Beitrag zum Internierungslager. Ende des Jahres 1948 wurde das Lager wieder geschlossen. Die Bitte der Stadt Freiburg, es abreißen zu dürfen, wurde jedoch von französischer Seite abgelehnt; man wollte im Bedarfsfall weiterhin kurzfristig darauf zugreifen können.
Die Nutzungsrechte gingen jedoch zur Stadt Freiburg und so entstand Ende 1948 die Idee, das Lager zu einer Unterkunft für Studierende auszubauen, denn auch die Universität war im Neuaufbau und benötigte entsprechende Unterkünfte. Es gab Ortsinspektionen und Kostenvoranschläge wurden erstellt. Nicht zuletzt aufgrund der erwarteten Kosten wurde die Idee aber wieder fallen gelassen (Unterlagen dazu im Staatsarchiv Freiburg). Ob es Zufall war oder nicht: Ab Anfang der 1960er Jahre entstand nur wenige hundert Meter weiter am Flückigersee die Studentensiedlung (StuSie), wie wir sie heute kennen.
Landesdurchgangslager für Flüchtlinge
Während sich über den Rest von Deutschland eine große Flut von Flüchtlingen wälzte, hatte die französische Besatzung deren Aufnahme abgelehnt. Am 25.05.1949 musste jedoch die französische Besatzungszone auf Druck der übrigen Alliierten ihre Pforten für sie öffnen. Als Landesdurchgangslager für Flüchtlinge von (Süd-)Baden sollte das ehemalige Internierungslager nun dienen. Es wurde deshalb dem Land Baden überlassen. Nach Entseuchung und einer notdürftigen Instandsetzung konnte es am 15.08.1949 seiner neuen Bestimmung übergeben werden. In jeder Baracke sollten 100 Personen leben, verteilt auf 5 Räume mit je 20 Personen.
Gemeinschaftsverpflegung war bis 1952 vorgeschrieben und führte häufig zu Protesten der Einwohner. Der Stacheldrahtzaun musste stehen bleiben, da das Gelände im Notfall binnen kurzer Zeit geräumt werden sollte, um erneut als Internierungslager dienen zu können. Nach seinem Aussehen erinnerte es Dr. H. Ruby, den damaligen Minister für Volkswohlfahrt von Schleswig-Holstein, an das KZ Sachsenhausen, wie er der badischen Landesregierung schrieb.

Aus Schleswig-Holstein und Dänemark kamen viele der Flüchtlinge nach Südbaden. Sie waren über die oder entlang der Ostsee nach Westen geflohen und dort gestrandet. Mit insgesamt weit über 1 Million Flüchtlingen waren diese Länder hoffnungslos überfordert. Eine zweite größere Gruppe waren die Banater Schwaben und die Sudetendeutschen.
Im Jahre 1950 lebten schon 4.000 Flüchtlinge im Lager, bis zu seiner Auflösung sollten dort über 35.000 gewesen sein, darunter viele Vertriebene und auch DDR-Flüchtlinge. Bis ihnen Wohnungen zugewiesen werden konnten, vergingen oft Monate oder Jahren. Man kann auch nicht sagen, dass diese Heimatvertriebenen in der Bevölkerung willkommen waren. Mit Argwohn betrachteten die Freiburger die Neuankömmlinge, immer darauf bedacht, dass diese nicht gegenüber ihnen und den 7.000 Obdachlosen in der Stadt „bevorzugt“ werden könnten. Aus dem Landesdurchgangslager wurde der Stadt Freiburg ein Kontingent von 3.000 Personen zur Aufnahme zugeteilt. Aber wo sollten sie unterkommen?
Da Anfang der 1950er Jahre mehrere Kreisdurchgangslager, so zum Beispiel in Kirchzarten und Eichstetten am Kaiserstuhl, errichtet worden waren, konnte die Stadt Freiburg einige Baracken des Landesdurchgangslagers vom Land übernehmen. Diese anfänglich 4, später 6 Baracken wurden nun in kleinere Wohneinheiten aufgeteilt, insgesamt 17 pro Baracke. Jede Familie hatte ihre eigene Kochstelle. Trotzdem war allen Beteiligten bewusst, dass dies keine Dauerlösung sein durfte. Nach dem Vorbild von Donaueschingen, Villingen und anderen Städten beschloss die Stadt Freiburg, mit Hilfe von gemeinnützigen Baugesellschaften Wohneinheiten zu bauen. Sie sollten für einen Zeitraum von 5 Jahren als Flüchtlingslager angemietet werden, um danach als reguläre Wohnungen zu dienen. Das Land förderte dieses Programm.
Das Ende des Barackenlagers
So baute die Kreisbaugenossenschaft, die spätere Gebau Süd, die Häuser Lehener Straße 101, 103, 105, 107 und 115 mit insgesamt 100 Wohnungen. Jede Familie bekam ein Zimmer in einer Dreizimmerwohnung zugewiesen. Bei Bezug bis 1959 lebten 1.100 Personen in den 100 Wohnungen. Das Barackenlager konnte geschlossen werden.
Einige der Baracken erlebten jedoch eine weitere Karriere. Mit Schließung des Landesdurchgangslagers zogen sich Stadt und Land aus der Sozialbetreuung zurück als wären alle Probleme gelöst. Diese Lücke wurde glücklicherweise von der Caritas geschlossen, die in der ehemaligen Baracke Nr. 13 ein Sozialzentrum mit Kindergarten, Jugendbegegnungsstätte und Beratungsstelle einrichtete. Später diente dieses Gebäude als Kirche der evangelischen Gemeinde Markus-West, bis sie die heutige Matthäuskirche beziehen konnte. Die ehemalige Lagerkirche wurde nach Vörstetten versetzt.
Der Beitrag basiert auf einem Text im Bürgerblättle 192, Okt.-Nov. 2008 und im Buch „100 Jahre Betzenhausen bei Freiburg“.
Ergänzungen
Das Foto oben mit den spielenden Kindern stammt von Fotografen Willy Pragher und ist heute im Landesarchiv BW abgelegt. Dort sind noch viele weitere Fotos zum Lagerleben in dieser Zeit von ihm zu finden.
Wir wollen an dieser Stelle das Buch „Und wir leben immer noch!“ von Robert Neisen erwähnen, das ausführlich die Freiburger Nachkriegsgeschichte analysiert und zu großen Teilen auf Unterlagen von Franz Flamm basiert: erschienen im Jahr 2005, nach aktuellem Stand aber nur noch über Antiquariate erhältlich. Siehe Hintergründe auf der Web-Seite der Stadt Freiburg.
Zweite Buchempfehlung ist der biografische Roman „Und in Freiburgs Gassen roch’s nach Zwiebelkuchen“ von Sabine Ulrich. Darin erzählt die Autorin sehr eindrucksvoll u.a. von ihrem Leben im Lager hier in Betzenhausen, wo sie einen Teil ihrer Jugend verbrachte. Sie ist 1939 in Königsberg in Ostpreußen geboren und kam 1952 mit ihren Eltern nach Freiburg (Lavori-Verlag 2017, 112 Seiten, ISBN-13: 9783935737739).
Als Folge dieses Bombenangriffs und kleinerer weiterer Angriffe lag Freiburg in Trümmern, die nach dem Ende des Krieges beseitigt werden mussten. Für den Abtransport aus der Innenstadt wurde von 1947 bis 1949 sogar eine eigene Bahnstrecke betrieben, die am Baggersee in Betzenhausen endete.
Siehe unser Beitrag “Die Trümmerbahn” (manchmal auch „Trümmer-Express“ genannt).
