Vor 80 Jahren: Das Internierungslager in Betzenhausen

Jetzt, etwa 80 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges, wollen wir auch an die Auswirkungen in der Zeit danach erinnern. Freiburg und Betzenhausen waren in grossem Maße zerstört: Diese Umstände und Folgen haben wir in einem eigenen Beitrag beschrieben, siehe Zerstörung von Betzenhausen.

Hier soll es aber um ein Internierungslager für politische Gefangene mit NS-Hintergrund gehen, das die französischen Armee kurz nach Kriegsende auf einem unbebauten Gelände in Betzenhausen errichten ließ (bis Ende 1948). Es befand sich etwa da, wo sich heute Sundgauallee und Berliner-Allee kreuzen. Ab 1949 wurden die zugehörigen Baracken zu einem Landesdurchgangslager für Flüchtlinge (siehe separaten Beitrag dazu).

Der Text basiert zum großen Teil auf Ausführungen von Franz Flamm in seiner „Chronik der Freiburger Nachkriegsnot“ (siehe auch Beitrag zu den Unterlagen von Dr. Franz Flamm mit Übergabe an den KuGe).


Hintergrund

Am 21. April 1945 erreichte die französische Armee Freiburg. Chef der Militärregierung in Freiburg wurde Oberstleutnant Montel. Schon wenige Wochen später (am 15. Mai) erhielt die Stadtverwaltung Freiburg eine Anordnung der Militärregierung zur Errichtung eines Lager für (deutsche) politische Gefangene: Hintergrund war natürlich das Ziel, die Gedanken des Nationalsozialismus auszurotten. Die Internierung galt als die radikalste aller Entnazifizierungsmaßnahmen und war Teil der der deutschen Nachkriegsgeschichte, die zusammen mit Umerziehung (Reeducation) den Weg in eine neue, demokratische Ordnung ebnen sollte. Rechts die Anordnung der Militärregierung (Version in deutscher Sprache).

Politische Gefangene aus ganz Südbaden sollten in dem Internierungslager untergebracht werden. Der Standort musste innerhalb von 48 Stunden bestimmt werden und sollte ausserhalb der Stadt Freiburg sein in einem Umkreis von höchstens 10 km. Folglich konnte man nur auf Gelände zurückgreifen, das primär im stadt- bzw. stiftungseigenen Besitz war. Die Wahl fiel auf die Spitalmatten, einem unbebauten Gelände im Osten von Betzenhausen, nahe dem damaligen Gewerbegebiet zwischen Lehener Straße und Grenzstraße.

Das Lager in Betzenhausen

Nach den Vorstellungen der französischen Militärregierung sollte das Lager so gebaut werden, dass bis zu 3.000 politische Häftlinge darin untergebracht werden konnten; davon 500 Plätze für Frauen. Innerhalb von 2 Wochen wurde das Areal abgegrenzt und befehlsgemäß mit einem doppelten Stacheldrahtzaun von 3 m Höhe eingezäunt; an den vier Ecken wurden Wachtürme errichtet. Innerhalb kürzester Zeit mußten auch die Lagerbaracken aufgestellt werden: zu diesem Zweck wurden Baracken von der Militärregierung freigegeben, die aus Beständen des ehemaligen Reichsarbeitsdienst stammten und vom Zwangsarbeiterlager Erzbau-AG Blumberg. Die Bretterbaracken sollten Schlafräume, Essräume, Lazarett und sanitäre Räume enthalten.

Am Ende wurden insgesamt 14 Holzbaracken aufgestellt mit je 40 m Länge. Davon abgetrennt gab es Unterkünfte für französische und deutsche Wachmannschaften (60 Mann) sowie Schuppen für die Versorgungsgüter. Die Großräume der Baracken wurden mit insgesamt 1.000 Holzbetten ausgestattet, jeweils einem Strohsack und einer Wolldecke.

In der Abbildung rechts hat Franz Flamm das Lager auf einen relativ aktuellen Stadtplan gezeichnet: Bezogen auf die heutige Bebauung würde das Lager also im Runzmattenweg beginnen, die Kreuzung der Sundgauallee mit der Berliner Allee überdecken und bei der St. Albert Kirche enden (also auch damals schon in der Nähe vom Bischofskreuz). Der Eingang war nach Norden hin zur Idingerstraße.

Schon bald waren diese Baracken mit politischen Häftlingen aus ganz Südbaden gefüllt, zumeist hohe Parteifunktionäre der NSDAP, Mitglieder der SS, und auch Aktive aus anderen nationalsozialistischen Organisationen, die hier auf ihre Urteile im Entnazifizierungsverfahren warten mussten (bis zu 1.500 Häftlinge gleichzeitig). Anfangs wurde noch der Name „Konzentrationslager“ verwendet; später sprach man in der Öffentlichkeit eher vom „Internierungslager“ oder „Umschulungslager“.

Die Reeducation (Umschulung) umfaßte alle Maßnahmen, die darauf abzielten, Grundsätze und Prinzipien des demokratischen Zusammenlebens verständlich zu machen. Doch der Stacheldrahtzaum und die mit Maschinengewehren bestückten Wachtürme verrieten auch die Strenge der Internierungshaft, die bei so manchen Betroffenen über 3 Jahre dauerte (noch ohne Anspruch auf ein ordnungsgemäßes Spruchverfahren).

Vom Leben und Schicksal der Internierten ist nur wenig bekannt. Man sah sie allerhöchstens bei Entrümmerungsarbeiten im Stadtgebiet, bei der Brennholzaufbereitung im Stadtwald und bei sonstigen Arbeiten in der Stadt. Dort waren Arbeitskommandos tätig mit französischem und deutschen Wachpersonal; eine Kontaktaufnahme war normalerweise nicht möglich, sogar untersagt. Ein Großteil des Verdienstes aus diesen Tätigkeiten kam NS-Verfolgten zugute.

Das Lager bis zur Schliessung

Internierungen basierten anfangs nur auf Direktiven der Besatzungsmächte, sie wurde aber 1946 mit Einstufung der Nationalsozialisten als „verbrecherische Organisation“ auch vom Nürnberger Internationalen Militärgerichtshof als rechtmäßig anerkannt. Seit Frühjahr 1947 bestand ein Entnazifierungsgesetz, das u.a. die Einrichtung von Spruchkammern vorsah. Diese waren zum großen Teil mit deutschen Bürgern besetzt: neben einem Vorsitzenden waren es Vertreter von Parteien und Gewerkschaften, die damals schon zugelassen waren, Gegner und Kritiker des Nationalsozialismus, die überlebt hatten, Vertreter aus der Berufsgruppe der jeweiligen Person, die zu beurteilen war, sowie ein Vertreter des Staatskommissars für politische Säuberung.

Am 18. September 1947 beauftragte der südbadischen Landtag in Freiburg (kurz nach seiner Konstituierung) ihren ersten Präsidenten Prof. Dr. Karl Person dazu, bei der Militärregierung vorstellig zu werden, um eine baldige Aufhebung des Internierungslagers zu erreichen. Ziel sollte es sein, dass Internierte, die sich eines Verbrechens schuldig gemacht hatten, zur Aburteilung vor ordentlichen Gerichte gestellt werden. Für Internierte, die nur politisch belastet waren, nicht aber als Kriegsverbrecher oder Hauptschuldige galten, sollte das Entnazifizierungsverfahren bei der Spruchkammer in ihrem Heimatort durchgeführt werden (so daß auch Rückkehr in die Familien möglich würde).

Den Bitten des südbadischen Landtages (und zahlreicher Freiburger Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens) ist die Militärregierung einige Monate später gefolgt: Zu Ostern 1948 wurden 450 Häftlinge entlassen. Für den Juli 1948 zeigt eine Aufstellung im Stadtarchiv noch 679 Insassen (vor allem Gruppenleiter auf Kreis- oder Orts-Ebene, aber auch noch frühere Mitglieder der SS). Ende des Jahres 1948 wurde das Internierungslager komplett geschlossen. Die Stadt Freiburg wollte es eigentlich abreißen lassen, was jedoch von französischer Seite abgelehnt wurde, um es bei Bedarf doch wieder nutzen zu können (deshalb blieb z.B. auch die Eingrenzung mit Stacheldraht). Kurzzeitig wurde eine Nutzung als Studierenden-Unterkunft diskutiert. Doch mit wachsenden Flüchtlingsströmen insbesondere aus früheren deutschen Gebieten im Osten war ab Ende 1949 die weitere Nutzung als Landesdurchgangslager für Flüchtlinge naheliegender. Das endgültige Ende des Lagers bzw. der Baracken folgte erst Anfang der 1960er Jahre.

Als Abschluss sei hier Franz Flamm zitiert: „Wenn wir auch nur wenig über Leben und Schicksal der politischen Häftlinge wissen, so ist doch eines geboten: Wir Freiburger dürfen die Existenz des Internierungslagers als Teil der Geschichte des Nationalsozialismus in Stadt und Region weder verleugnen noch vergessen!

Sonstige Hintergründe und Quellen

Eine Vielzahl an Akten zum Entnatzifizierungsverfahren befinden sich im Staatsarchiv Freiburg. Enthalten sind Personalbögen, Fragebögen, Beschuldigungen, amtliche Überprüfungen von Vorwürfen, Rechtfertigungen und Zeugenaussagen. Am Ende jedes Verfahrens stand die Einstufung der untersuchten Person als Hauptschuldiger, Belasteter, Minderbelasteter, Mitläufer/Sympathisant oder Entlasteter/Nicht-Betroffener.

Seit Anfang der 2020er-Jahre gibt es ein Digitalisierungsprojekt zusammen mit Archiven in Frankreich; siehe dazu Bericht der BZ von 2021 (ggf. mit eingeschänktem Zugriff). Seit Dezember 2025 sind auch relevante französische Unterlagen online verfügbar; siehe zugehörige Presse-Mitteilung beim Staatsarchiv Freiburg.


Ergänzungen

Unter dem Titel „Das vergessene Internierungslager“ hat auch die Badische Zeitung im Okt. 2025 das Thema aufgegriffen, u.a. mit Erinnerungen von Zeitzeugen. Hier der Link zur BZ-Webversion (ggf. mit eingeschränktem Zugriff).

Natürlich muss hier auch das Dokumentationszentrum Nationalsozialismus in Freiburg genannt sein. In der zugehörigen Dauerausstellung ist auch die Nachkriegszeit ein Thema und damit auch das Lager hier in Betzenhausen.

Ab 1949 wurden die Baracken zu einem Landesdurchgangslager für Flüchtlinge (siehe unseren separaten Beitrag dazu).

Als Folge dieses Bombenangriffs und kleinerer weiterer Angriffe lag Freiburg in Trümmern, die nach dem Ende des Krieges beseitigt werden mussten. Für den Abtransport aus der Innenstadt wurde von 1947 bis 1949 sogar eine eigene Bahnstrecke betrieben, die am Baggersee in Betzenhausen endete.
Siehe unser Beitrag “Die Trümmerbahn” (manchmal auch „Trümmer-Express“ genannt).

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