Betzenhausen-Bischofslinde entsteht
Auf dem alten Gewann „Bei der Kapelle“ erinnert das Sandsteinfragment eines Kreuzes in einem kleinen Schutzbau an den Platz, an dem Konrad von Lichtenberg fiel. Nebem diesem Bischofskreuz stand über Jahrhunderte eine große Linde: allgemein bekannt als „Bischofslinde„. Sie ist aber 1942 einem Sturm oder Blitz zum Opfer gefallen.
An fast gleicher Stelle pflanzte Oberbürgermeister Dr. Keidel am 29. Mai 1963 eine neue Linde als Zeichen für einen neu entstehenden Stadtbezirk „Betzenhausen-Bischofslinde“ trägt. Die neben dem Bischofskreuz errichtete katholische Pfarrkirche St. Albert mit seiner modernen und viel gerühmten Architektur ist in gewisser Weise ein Wahrzeichen für diesen Stadtbezirk geworden.
Zum Bezirk gehört seit den 1960er Jahren auch eine Studentensiedlung (StuSie), die im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut wurde. Nach den letzten Erweiterungen ab ca. 2018 dürfte es am Ende die größte Studentensiedlung in Deutschland sein.
Seit den frühen 1920er Jahren förderte man im Bereich des heutigen Flückigersees schon Sand und Kies; teilweise aber wieder zugeschüttet z.B. mit Trümmern von Freiburg nach dem Weltkrieg. Aber Ende der 1970er Jahren hatte die Besiedlung des Gebietes bereits so zugenommen (Bischofslinde, StuSie), dass ein weiterer Kiesabbau kaum noch sinnvoll erschien. So entstanden Ideen, das Gelände in einen Park für die westlichen Stadtteile zu verwandeln. Die Landesgartenschau 1986 war dafür genau der richtige Anlass.
Um die ursprünglichen Planungs-Ideen zum Bezirk Betzenhausen-Bischofslinde zu verstehen, eignet sich der nachfolgende Text von Wolfgang Bäumle (Stadtplanungsamt Freiburg) im Jahr 1988. Der Beitrag ist in einem Sonderheft zum Jubiläum „25 Jahre Bischofslinde“ erschienen.
Bischofslinde — Planungs- und Baugeschichte
Bevor am 30. Mai 1963 der erste Spatenstich durch den damaligen Oberbürgermeister Dr. Keidel erfolgen konnte, waren viele Planungsschritte notwendig. Im Generalbebauungsplan von 1956 war das Gebiet als Erweiterungsfläche für Wohnungsbau ausgewiesen. Die ersten konkreten Planungsüberlegungen erfolgten ab dem Jahre 1959 durch Planungsamt und Tiefbauamt.
Grundsatzfragen der Erschließung, der Abwasserbeseitigung — es gab noch keine Großkläranlage Freiburger Bucht —, der Abgrenzung der Bauflächen zur Dreisam hin, der Versorgung des Gebietes mit Infrastruktur und Geschäften, mussten abgeklärt werden. Es sollten auch Gewerbeflächen vorgesehen werden. Die Lage der verlängerten Steinstraße — heute Berliner Allee — und der verlängerten Wannerstraße — zwischen Berliner Allee und Güterbahn — wurde entschieden. Um genügend Grün- und Erholungsfläche für die zu erwartenden 9000 Einwohner zu haben, wurde die Baufläche am Geländebruch zum Dreisamvorland hin begrenzt; das Gewerbegebiet wurde östlich der Berliner Allee ausgewiesen und später zum Behördenzentrum
Bischofslinde entwickelt.
Schauen wir uns Bischofslinde heute an, so formen sich um den Verkehrsknotenpunkt Berliner Allee/Sundgauallee — mit der geschwungenen Stadtbahnbrücke als „großem Stadtzeichen“ — vier Siedlungsbereiche heraus.
- Das Runzmattenviertel, es ist mit Gewerbe angereichert und weist überwiegend Geschosswohnungsbauten und Reihenhausbebauung aus den 50er und 60er Jahren auf; etwa 1200 Menschen wohnen hier.
- Im Seeparkviertel, dem Bereich um den Idinger Hof und die Studentensiediung, wohnen etwa 2800 Menschen, davon 700 Studenten. Die Studentensiedlung wurde als mustergültige Parksiedlung nach einem Wettbewerb durch die Stuttgarter Architekten Irion, Graf, Maier mit Professorenhäusern und Assistentenwohnungen gebaut und 1965 eingeweiht; ein geglückter Erweiterungsbau mit grauer Holzverschalung und filigranen Stahlbalkonen wurde 1983 für Gastprofessoren errichtet — Nähe Forstpavillon —. Der stadtbildprägende Idinger Hof aus dem Jahre 1976 stammt — ebenfalls nach einem Wettbewerbserfolg — von den Freiburger Architekten Saß und Partner.
- Im Behördenzentrum Bischofslinde leben in den sechsgeschossigen Häusern entlang der Bissierstraße etwa 800 Menschen. Flurbereinigungsamt und Polizeidirektion sind vorhanden. Die Chemische Landesuntersuchungsanstalt wird im nächsten Jahr bezugsfertig. Die Erweiterung der Polizeidirektion ist geplant. Der Neubau des Regierungspräsidiums wird in Höhe Straßenbahnhaltestelle Runzmattenweg entstehen.
- Als „Kernland“ Bischofslinde ist der vierte Siedlungsbereich zwischen Berliner Allee, Eintracht-Sportplatz/Brandensteinstraße und dem fast kaum mehr spürbaren Geländebruch zum Dreisamvorland anzusehen. Die Anne-Frank-Schule liegt genau an dieser Schnittstelle. Die Planer der 60er Jahre, Oberbaudirektor i. R. Hellmut Phleps und Dipl.-Ing. Köthner, haben eine mustergültige Parksiedlung im Sinne der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ entworfen. Es wird eine gemischte Baustruktur im Geschosswohnungsbau, in Reihenhäusern und in eingeschossigen Familienheimen vorgeschlagen. Die hohen Gebäude stehen entlang der Sundgauallee und Berliner Allee. Die Bebauung nimmt in Höhe und Dichte zum Dreisamvorland hin ab.
Klares Planungsziel im „Kernland“ Bischofsline war die Gliederung in drei Baubereiche — Ost, Mitte, West — mit durchgehenden Grünzügen von der Dreisam zum Flückigersee; in den 70er Jahren wurden sie konsequent mit Unterführungen unter der Sundgauallee hindurch ausgebaut. Die drei Baubereiche sind überwiegend mit „Sack- oder Schlaufenstrassen“ erschlossen, eine frühe Form der Verkehrsberuhigung!
- Im Ostbereich stehen mehrgeschossige Wohngebäude, katholische Ausbildungsstätten mit über 100 Schülern- und Studenten und das Wohn- und Verwaltungsgebäude der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Familienheim. Die Oberpostdirektion markiert stadtbildprägend die Kreuzung Berliner Allee/Sundgauallee mit einem diagonal stehenden, 9-geschossigen Klinkergebäude; sie ist nach einem Wettbewerb von dem bekannten Münchener Architekten von Branca 1971-1974 gebaut. Fast 800 Menschen sind hier beschäftigt. Am Schnittpunkt Sundgauallee mit dem Hauptgrünzug liegt die einprägsame St. Albert-Kirche mit Kindergarten und Gemeindezentrum. Architekt ist Erwin Heine. Ein kleiner Laufbrunnen und die Kapelle mit der Linde bereichern den Kirchenvorplatz.
- Im Mittelbereich, dem Zentrum von Bischofslinde, haben sich alle notwendigen Geschäfte des täglichen Bedarfes angesiedelt. Dort steht auch das dreigeschossige Verwaltungsgebäude der Wohnstättenbau, die die meisten Wohnungen in diesem Stadtbezirk erstellt hat. Entscheidenden Verdienst an dieser beachtlichen Leistung haben der damalige Geschäftsführer Friedemann und die Architekten Schweitzer und Kleis. Im Zentrum dominiert das 13-geschossige Geschäfts- und Wohnhochhaus, das der Freiburger Architekt Griesbaum als Wettbewerbserfolg
1973-1975 gebaut hat. Der Betzenhauser Künstler Hans Peter Wernet hat auf dem davorliegenden Stadtteilplatz einen originell gestalteten Sandsteinbrunnen geschaffen; stilisierte Menschenköpfe, Pferdeschädel und der mit einer Mitra gekrönte Brunnenkopf erinnern symbolisch an die große Schlacht von 1299. - Die Anordnung der Wohnbebauung im Mittel- und Westbereich ist ähnlich; die Wohnstraßen gleichen einer „etwas verschobenen“ Stimmgabel; die Zwischenfelder werden mit Geschosswohnungsbau und Reihenhausbau ausgefüllt. Besonders erlebnisreich sind die leicht geknickten Erschließungswege bei den stumpfwinklig zueinander versetzten Reihenhäusern; es lohnt sich, mal durchzugehen! Sehr erholsam lässt es sich übrigens auch auf den „grünen Wegen“ dazwischen spazieren. In die Grünzonen sinnvoll eingebettet sind öffentliche Spielplätze. Eingeschossige Familienheime runden die Bebauung nach Süden ab.
Das zweigeschossige „kleine Dorf Tränkematten“ ist das „jüngste Kind“ von Bischofslinde; Doppel- und Reihenhäuser säumen die gebogene Straße und den kleinen Platz in der Mitte. Am Grünzug Brandensteinstraße grüßt uns das Gemeindezentrum der Matthäusgemeinde. Wir sehen soeben eine ganze Familie mit Badezeug beladen unter der Unterführung hindurch zum Flückigersee hin entschwinden.
Anstelle mitzuschwimmen, wenden wir uns nochmals dem Stadtteil zu: Ab dem Jahre 1963 wurde in Bischofslinde gebaut. Innerhalb von etwa 12 Jahren war die Parksiedlung baulich vollendet, das Zusammenleben der Menschen konnte sich entwickeln. Betzenhausen-Bischofslinde ist von der Bau- und Sozialstruktur her ein gut durchmischter Stadtteil. Im „Dreigestirn“ der West-Stadtteile Weingarten, Landwasser, Betzenhausen, wies Bischofslinde immer eine hohe Zufriedenheit auf. Die Stadt hat alle notwendigen Infrastruktureinrichtungen gebaut und gefördert. Zu den Altenwohnungen an der Uhlenhutstrasse werden sich in diesem Jahr in Alt-Betzenhausen an der Freytagstr. 69, 1- und 2-Zimmer-Wohnungen mit Gemeinschaftseinrichtungen gesellen; Betriebsträger wird der Caritas-Verband sein. Ebenfalls an der Freytagstraße geht der dritte und letzte Kindergarten des Gesamtstadtteiles seiner Vollendung entgegen. Der Seepark als großer Bürgerpark des Westens ist in hohem Maße angenommen; in das Bürgerhaus werden in diesem Jahr Säle, Vereins-, Gruppenräume und ein Restaurant eingebaut.
Die Erholungszonen im Dreisamvorland mit Wiesen, Kleingärten, Freiluft-Sportflächen und Reiterhof sind gut frequentiert; Fahrradfahrer haben hier ebenso Wege wie Spaziergänger; bald wird auch im Mühlbach von Betzenhausen wieder Wasser fließen; die direkte Verbindung mit der Stadtbahn zur Innenstadt ist ein enormer Vorteil für die Bewohner dieses Stadtteiles. Bischofslinde stellt in der Westentwicklung Freiburgs ein Kleinod dar, das durch gezielte Planung gute Voraussetzungen für „ein Stück menschenfreundliche Stadt“ bietet. Die „innere Atmosphäre“ wird von den Menschen am Ort geschaffen. Dass sie ihr 25-jähriges Jubiläum feiern, halte ich für ein gutes Zeichen!
Ist alles geschafft? Hausrenovierungen, Modernisierungen und Dachsanierungen stehen an. Könnte nicht das Erscheinungsbild einzelner Gebäude reicher und unverwechselbarer werden und könnte nicht auch die Kunst — mehr als bisher — zur Steigerung der Erlebnisvielfalt eingesetzt werden? Ich hoffe auf die Bischofslinder!
Wolfgang Bäumie
(Ein Beitrag von Wolfgang Bäumle im Jahr 1988 zum Jubiläum „25 Jahre Bischofslinde“)
Historische Hintergründe zum Thema hier
Die Dokumentation „Der Friede vom Bischofskreuz“, ausgearbeitet durch Dr. Franz Flamm (1996), berichtet ausführlich über die historischen Ereignisse in den Jahren 1299/1300.
