Die St. Thomaskirche: Kleinod des Breisgauer Kirchenbarocks
Es ist vermutlich das älteste noch erhaltene Gebäude in Betzenhausen: die schöne Barockkirche St. Thomas. Sie gilt heute als Dorfmittelpunkt von Alt-Betzenhausen, eine etwas versteckte, aber nicht weniger bemerkenswerte Kostbarkeit von Freiburg. Die St. Thomas Kirche gehört heute zur Kirchengemeinde Hl. Familie. Die Erhaltung des Turms liegt in Händen der Stadt Freiburg; so wurde es im Eingemeindungsvertrag von 1908 festgehalten.
Der nachfolgende Text mit Vorstellung der Kirche basiert auf einer kunstgeschichtlichen Führung durch die Betzenhausener Dorfkirche St. Thomas im Jahr 1999; eingeladen hatte der Kultur- und Geschichtskreis Betzenhausen-Bischofslinde (KuGe). Als Referenten konnte der KuGe Herrn Professor Brommer begrüssen und den Restaurator Bauernfeind, selbst Mitglied der Pfarrgemeinde. Umrahmt wurde die Veranstaltung durch musikalische Darbietungen des Gesangvereins Liederkranz Betzenhausen-Bischofslinde sowie einem Orgelsolo der Leiterin Beata Veres-Nonnenmacher. Die Kirche war mit 150 Personen bis auf den letzten Platz besetzt.
Aus dem Vortrag von Professor Brommer
In seinem lebendigen Vortrag beschrieb Professor Brommer zunächst die Geschichte der Kirche St. Thomas und ihrer Ausstattung. Ein Vorgängerbau ist erstmals 1447 mit Sicherheit erwähnt. Spuren der ersten Barockkirche von 1700 sind an der westlichen Wand als graue Halbpilastermalerei erhalten.
Auch die Kanzel gehört wohl zur originalen Ausstattung. Wegen Baufälligkeit musste um 1770 Turm, Sakristei und Chorraum erneuert werden. Die neue Kirche wurde gleichzeitig erhöht und um ein Fenster verlängert. Planung und Ausführung lag in den Händen des Freiburger Stadtbaumeisters Johann Baptist Häring, der auch weitere Kirchen in Freiburg und der March erbaute.
Freifräulein Kreszentia von Brandenstein aus der Familie der Betzenhausener Zehntherren, stiftete für ihr Seelenheil 500 Gulden und eine gotische Statue „Maria unterm Kreuz“, die heute in der Zentralnische des Hochaltars steht. Mit dem Bargeld konnte vom Freiburger Universitäts-Kupferstecher P. Mayer das große Thomas-Bild erworben werden. Es ist eines der wenigen erhaltenen Ölgemälde dieses Künstlers. Der originale Rokoko-Rahmen wurde von der damaligen Freiburger Stadtherrschaft gestiftet. Wie so häufig bei armen Landpfarreien versuchte die Gemeinde ihre Kirchenausstattung durch preisgünstigen Zukauf zu ergänzen.

Durch die Säkularisation wurden Kunstgegenstände aus den aufgelösten Klöstern frei und so konnte 1786 für St. Thomas der Kreuzweg des Klarissinnenklosters in Freiburg gekauft werden. Auch die Seitenaltäre stammen nach ihren Bildinhalten vermutlich aus einem Frauenkloster, ohne dass ihre Herkunft sicher bekannt ist.
Den Glanzpunkt der Kirche bildet jedoch der restaurierte Hochaltar, der 1978 in Illingen bei Rastatt von Restaurator Bauernfeind erworben werden konnte. Ursprünglich stammte er aus der Benedektinerabtei Schuttern bei Offenburg. Abt. Placidus IH. Hinderer von Schuttern hatte ihn für die von ihm neu erbaute Turmkapelle anfertigen lassen. Nach der Restaurierung des Altars zeigt sich wieder die kostbare Stuckmarmoroberfläche, in die Silber-, Kupfer- und Messingfäden eingearbeitet sind. Im unteren Altarteil befinden sich Dekorationen in Scagliola-Technik. Dies ist eine Verzierungstechnik im Stuckmarmor, die den Anschein von Einlagearbeiten erweckt.
Scagliola-Arbeiten waren im 18. Jahrhundert sehr teuer und sind im Kirchenbarock Süddeutschlands entsprechend selten. Die Künstler lassen sich vermutlich, so Prof. Brommer, aufgrund biografischer Details im Leben AM, Placidus im Umfeld der Markgräfin Augusta Sybilla von Baden-Baden lokalisieren, die zur Ausschmückung von Schloß Favorite mit Stuckmarmorkunstwerken italienische Handwerker beschäftigt hatte.
Vortrag von Restaurator Bauernfeind
In einem kurzen lebendigen Vortrag beschrieb anschließend Restaurator Bauernfeind das Auffinden der alten Farbschichten der Kirchenmauern und die Rekonstruktion der Originalbemalung mit einem Mantel als Baldachin hinter dem Hochaltar sowie farblich gefassten Apostelleuchtern.
Durch die kongeniale Zusammenarbeit der damaligen Gemeindepfarrer Emil Dannenmayer bzw. Harald Schweizer mit dem Restaurator Bauernfeind konnte ein homogenes Ensemble zusammengetragen werden. Die Sandsteinplatten des Fußbodens beispielsweise kamen aus Lehen, die Wangen des Gestühls aus Pfaffenweiler, Beichtstuhl und Chorgestühl von der Baar. Sie alle wurden in ihre Originalfassung zurückversetzt und bilden heute eine harmonische Einheit.
So stellt die Kirche St. Thomas ein barockes Kleinod und eine Schatzkammer des Breisgauer Kirchenbarocks dar.
(Nach einem Beitrag des KuGe im Bürgerblättle 149, Juni-Sept. 1999)
Sonstige Besonderheiten
Bei der Bombardierung 1944 erlitt die Kirche großen Schaden: offensichtlich gab es Erwägungen für einen Abriß. Vor allem Dank Stadtpfarrer, Konrad Fuchs kam es aber dann doch zu einem Wiederaufbau in kleinen Schritten (erst Phase zwischen 1954 und 1969). Eine zweite Phase mit Renovierungen begann 1978 und konnte im Jahr der Landesgartenschau 1986 abgeschlossen werden. Im Herbst 2015 folgte eine Sanierung der Fassade am Kirchenschiff und dem Turm: An der Finanzierung beteiligte sich auch der Bürgerverein mit unterschiedlichen Aktionen.
Der Platz vor der Kirche wurde im Jahr 1984 neu gestaltet (z.B. mit Kopfsteinpflaster) und bekam auch erst da seinen Namen „St. Thomas Platz“. Dieser Platz rund um die Linde – zusammen mit der Kirche und dem umgebenden Friedhof – prägt seither den Dorfkern von Alt-Betzenhausen. Die Neueröffnung wurde mit einem besonderen Bürgerhock gefeiert unter Beteiligung Vereine im Stadtteil: Das war erst möglich nach Fertigstellung der Paduaallee, denn so wurde die Dietenbachstrasse vom Durchgangsverkehr befreit und man konnte den Platz neu gestalten.
Der Turm der Kirche – vermutlich der älteste erhaltene Teil der Kirche – beherbergt seit Jahrzehnten ein Storchennest, seit 2011 sogar mit einer WebCam. Im Mai 2009 gab es als Anerkennung die Nabu-Plakette “Lebensraum Kirchturm”.
Die Orgel in der Kirche ist eher klein, aber eine der ältesten in Freiburg: gebaut Anfang des 19. Jahrhunderts vom Hugstetter Orgelbauer E. Stadtmüller (für weitere Details und Bilder siehe www.orgel-verzeichnis.de).
Weiteres zur St. Thomas Kirche
Siehe auch unseren Beitrag zum Hochaltar.
Im Turm der St. Thomaskirche hängt eine Glocke von 1785, siehe unseren Beitrag Glocken der St. Thomas Kirche.
An der Kirchenmauer gibt es seit der Eingemeindung 1908 einen Brunnen mit besonderer Geschichte.
Auch hier lohnt wieder ein Blick auf den Beitrag zur Kirche in Wikipedia.
